THAIdentity: Drei Visionen zeitgenössischer Thai Fashion auf der VIENNA FASHION WEEK.26

Am Donnerstagabend wurde das MuseumsQuartier zum Treffpunkt zwischen Wien und Bangkok. Im Rahmen der VIENNA FASHION WEEK.26 brachten FRANK WEENEGGSINN, NICHP und ROSE MARS drei unterschiedliche Perspektiven auf die zeitgenössische thailändische Mode auf den Laufsteg. Gemeinsam präsentiert, zeigten die Kollektionen, wie unterschiedlich sich Tradition, Techniken und zeitgenössisches Design in Mode übersetzen lassen.

Die Präsentation der Royal Thai Embassy war Teil des internationalen Programms der VIENNA FASHION WEEK, das in diesem Jahr einen besonderen Schwerpunkt auf den kreativen Austausch über Österreichs Grenzen hinaus legt. Die Präsentation thailändischer Designerinnen und Designer in Wien eröffnete Einblicke in eine Modelandschaft, die von Handwerkskunst, Experimentierfreude und einer starken Verbindung zu Materialien geprägt ist. Statt eine einheitliche Vision thailändischer Mode zu zeigen, stellte die Präsentation drei individuelle Identitäten vor – jede mit ihrer eigenen Sprache, ihren eigenen Referenzen und ihrem eigenen Designansatz.

FRANK WEENEGGSINN: GESCHICHTE IN BEWEGUNG

FRANK WEENEGGSINN näherte sich der Mode über Erinnerungen, Techniken und historische Referenzen. Die Kollektion „Nostalgic Spell“ überträgt textile Techniken, die mit der viktorianischen Ära verbunden sind, in zeitgenössische Silhouetten. Dabei wird die Vergangenheit nicht einfach reproduziert, sondern in etwas ausgesprochen Modernes und Tragbares verwandelt.

Karomuster, Spitze und zarte florale Elemente trafen auf Mascherln, Kniestrümpfe und funkelnde Strassdetails. Diese Elemente schufen eine visuelle Sprache, die romantisch und nostalgisch wirkte, zugleich aber verspielt und zeitgemäß blieb. Spitze wurde nicht bloß als Dekoration eingesetzt, sondern als Teil der Textur und des Charakters der Kleidungsstücke. Sie verlieh den Silhouetten Weichheit und Detailreichtum.

Auch das Styling verstärkte den Dialog zwischen historischen Bezügen und moderner Mode. Details wie Mascherln und Kniestrümpfe erinnerten an eine andere Epoche, während die Silhouetten und Kombinationen ihnen einen neuen Kontext verliehen. Die Kollektion wirkte dadurch nicht wie eine wörtliche Interpretation historischer Kleidung. Vielmehr griff sie ausgewählte Elemente der Vergangenheit auf und verwandelte sie in ein neues visuelles Vokabular.

Gleichzeitig zog sich eine spielerische Note durch die gesamte Kollektion. Florale Details, Spitze und funkelnde Verzierungen sorgten für eine leichtere, ausdrucksstärkere Anmutung, während Karomuster und strukturierte Elemente Kontraste setzten. Romantik traf auf Struktur, Weichheit auf Tailoring, und Nostalgie wurde mit zeitgenössischem Styling verbunden.

Im Zentrum der Kollektion stand damit eine einfache Idee: Die Vergangenheit muss nicht in der Vergangenheit bleiben. Durch moderne Schnitte, unerwartete Kombinationen und raffinierte Oberflächendetails wird historische Handwerkskunst Teil einer neuen Modesprache. „Nostalgic Spell“ zeigte, wie sich Referenzen aus einer anderen Zeit neu interpretieren lassen, anstatt sie lediglich zu bewahren. So konnten vertraute Techniken eine neue Identität auf dem modernen Laufsteg erhalten.

picture Credit @Thomas Lerch

NICHP: WENN MATERIAL ZUR FORM WIRD

Mit seinem Debüt bei der VIENNA FASHION WEEK verband das in Bangkok ansässige Label NICHP modernen Minimalismus, Feminität und klassisches Tailoring. Im Gegensatz zu den nostalgischen Referenzen von FRANK WEENEGGSINN schuf NICHP eine zurückhaltendere und grafischere visuelle Welt, in der Konstruktion und Materialien der Kleidungsstücke in den Mittelpunkt rückten.

Die Kollektion basierte auf Schwarz und Weiß und wurde durch weichere Farbtöne wie Beige und Teal ergänzt. Diese kontrollierte Farbpalette schuf eine klare visuelle Sprache und ließ einzelne Details und Silhouetten besonders hervortreten. Die Looks spielten stark mit Proportionen: Maximalistische, skulpturale Oberteile trafen auf kürzere, klarere und zurückhaltendere Unterteile. Der Kontrast zwischen Volumen und Schlichtheit verlieh der Kollektion ihre charakteristische grafische Qualität.

Besonders auffällig war das Verhältnis zwischen Material und Design. Kunststoff wurde in Accessoires und dekorative Elemente verwandelt und zeigte, wie ein unerwartetes Material Teil eines sorgfältig gestalteten Modeobjekts werden kann. Statt lediglich als Wegwerfmaterial betrachtet zu werden, erhielt es durch Design und handwerkliche Verarbeitung einen neuen Kontext.

Dieser Ansatz spiegelt ein größeres Interesse daran wider, Materialien zu transformieren und ihre Möglichkeiten neu zu denken. Elemente aus recyceltem Kunststoff können zu handgefertigten Modedetails werden. So verschiebt sich ihre Bedeutung von einem Material, das mit Abfall in Verbindung gebracht wird, hin zu einem ausdrucksstarken und visuell relevanten Gestaltungselement.

Die Kollektion zeigte zudem die Kraft der Reduktion. Mit ihrer monochromen Grundlage und den klaren Silhouetten ließ sie Form, Proportion und Material sprechen, ohne auf übermäßige Dekoration angewiesen zu sein. Die dramatischen Oberteile sorgten für visuelle Wirkung, während die schlichteren Unterteile die Looks ausbalancierten.

Das Ergebnis war Mode, reduziert auf ihre wesentlichen Komponenten: Material, Form, Proportion und Detail. „Material wird zur Form“ könnte beinahe als visuelles Prinzip der Kollektion dienen. NICHP zeigte, dass Minimalismus nicht zwangsläufig Einfachheit bedeutet. Eine begrenzte Farbpalette und sorgfältig kontrollierte Silhouetten können vielmehr Raum schaffen, damit Konstruktion, Textur und Materialexperimente zur eigentlichen Geschichte werden.

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ROSE MARS: DENIM ALS LEINWAND

ROSE MARS beendete die thailändische Präsentation mit einer völlig anderen Energie. Für das in Bangkok ansässige Label ist Denim nicht bloß ein vertrautes Kleidungsstück des Alltags. Denim wird zur Leinwand für Experiment, Rekonstruktion und Handwerkskunst.

Die Kollektion erforschte Denim durch Stickereien, übereinandergelegte Stoffe, Cut-outs und kontrastierende Texturen. Anstatt Denim in seiner traditionellen Form zu belassen, rekonstruierte und interpretierte ROSE MARS das Material neu. So entstanden Silhouetten, die sich zwischen Streetwear und ausdrucksstarker, skulpturaler Mode bewegten.

Stickereien brachten handwerkliche Präzision und komplexe Details ein, während Stoffüberlagerungen den Kleidungsstücken Tiefe und Bewegung verliehen. Cut-outs durchbrachen die vertraute Struktur des Denims und schufen unerwartete Öffnungen und Proportionen. Zusammengenommen verwandelten diese Techniken ein bekanntes Material des Alltags in etwas Experimentelleres.

Die Kollektion war von einem ausgeprägten Sinn für Konstruktion geprägt. Statt den Entstehungsprozess hinter dem fertigen Kleidungsstück zu verbergen, ließ ROSE MARS das Material und seine Verwandlung sichtbar werden. Lagen, Nähte, Texturen und Stickereien wurden zu einem wesentlichen Teil der visuellen Identität der Looks.

Dieser Ansatz steht auch in engem Zusammenhang mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit. Denim ist ein strapazierfähiges Material, das durch Gebrauch zusätzlichen Charakter entwickeln kann und sich daher besonders für neue Interpretationen und Upcycling eignet. Eine vorhandene Jeans kann zu etwas völlig Neuem werden, während Stoffreste in neue Kleidungsstücke, Accessoires oder Details verwandelt werden können.

Für ROSE MARS entsteht dadurch ein anderes Verhältnis zur Mode. Ein altes Kleidungsstück muss nicht als etwas betrachtet werden, das das Ende seines Lebenszyklus erreicht hat. Es kann vielmehr zum Ausgangspunkt für ein weiteres Design werden. Die Kollektion verband daher die vertraute Haltung des Denims mit einem experimentelleren Umgang mit Konstruktion und Materialeinsatz.

picture Credit @Thomas Lerch

DREI LABELS, DREI SPRACHEN

Gemeinsam demonstrierten FRANK WEENEGGSINN, NICHP und ROSE MARS die Vielfalt der zeitgenössischen thailändischen Mode.

Was die drei Kollektionen verband, war keine einheitliche Ästhetik, sondern ein Zugang zur Mode, der auf Handwerkskunst, Materialforschung und Neuinterpretation basiert. Jede Designerin und jeder Designer ging von einem anderen Ausgangspunkt aus. FRANK WEENEGGSINN blickte auf historische Referenzen und transformierte sie durch zeitgenössische Silhouetten. NICHP konzentrierte sich auf das Verhältnis von Material, Proportion und Form. ROSE MARS nahm Denim – eines der vertrautesten Materialien der zeitgenössischen Mode – und verwandelte es durch Stickereien, Layering und Rekonstruktion.

Tradition wurde nicht als etwas Unveränderliches präsentiert. Materialien wurden hinterfragt, rekonstruiert und mit neuer Bedeutung versehen. Historische Techniken wurden zu zeitgenössischen Details, Kunststoff wurde Teil eines Modeobjekts, und Denim wurde zur Oberfläche für Experimente.

Damit war die thailändische Präsentation mehr als ein internationaler Gastauftritt. Sie wurde zu einem Dialog zwischen unterschiedlichen Denkweisen über Mode: zwischen Geschichte und Innovation, Minimalismus und Ausdruck, Handwerkskunst und Experimentierfreude. Die drei Kollektionen zeigten außerdem, wie individuelle Identität im Rahmen eines internationalen Modeaustauschs erhalten bleiben kann. Obwohl die Designerinnen und Designer denselben Laufsteg und dasselbe kulturelle Programm teilten, blieben ihre Ansätze klar voneinander unterscheidbar.

Das Ergebnis war keine einheitliche Definition thailändischer Mode, sondern eine Sammlung von Perspektiven, die ihre Vielfalt sichtbar machte.

Während die VIENNA FASHION WEEK ihre internationale Ausrichtung weiter ausbaut, bot die Präsentation THAIdentity einen Einblick darin, wie Mode Verbindungen zwischen Kulturen schaffen kann, ohne die individuelle Identität der Designerinnen und Designer dahinter zu verlieren. Auf einem Wiener Laufsteg präsentierten drei thailändische Labels drei unterschiedliche Sichtweisen auf Mode und zeigten, dass zeitgenössisches Design aus Geschichte, Materialien, Handwerkskunst und dem ständigen Wunsch entstehen kann, Bestehendes zu verwandeln.


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